Inter Gravissimas. Die Reformation des Kalenders

Gregor, Bischof, 
Diener der Diener Gottes,
zum immerwährenden Gedächtnis

 

Unter den schwerwiegensten Sorgen unseres Hirtenamtes steht nicht an letzter Stelle die Sorge, wie all das, was vom heiligen Konzil von Trient dem Apostolischen Stuhl vorbehalten wurde, mit Gottes Hilfe zu einem gutem Abschluss gebracht werden könne.

So haben die Väter dieses Konzils, als sie an die übrigen Überlegungen auch noch die Frage des Breviers anfügten, aus Mangel an Zeit diese gesamte Angelegenheit durch Konzilsbeschluss der Verantwortung und dem Urteil des römischen Pontifex übertragen.

Vornehmlich sind es zwei Bereiche, die im Brevier enthalten sind: der eine beinhaltet die Gebete und religiösen Hymnen, die an Feiertagen und Werktagen vorzutragen sind, der andere bezieht sich auf die Jahreszyklen des Osterfestes und der davon abhängenden Feiertage, die aus den Bewegungen der Sonne und des Mondes zu ermitteln sind: Die erste Aufgabe nun hat bereits unser Vorgänger seligen Angedenkens Pius V. vollendet und herausgegeben.

Die zweite aber, die nun die rechtliche Wiederherstellung des Kalenders verlangt, ist schon zu wiederholten Malen von unserer Vorgängern im Amt des römischen Pontifex in Angriff genommen worden, sie konnte aber bis zum heutigen Tage nicht vollendet und zum Abschluss gebracht werden, da die Berechnungen zur Verbesserung des Kalenders, die von denen, die sich auf die Bewegung des Himmels verstehen, vorgeschlagen wurden, abgesehen von den grossen und nahezu unentwirrbaren Schwierigkeiten, die immer einer derartigen Korrektur innewohnen werden, weder dauerhaft waren, noch die alten kirchlichen Riten (was zu allererst hierbei zu beachten war) unversehrt liessen.

Als dann folglich auch wir im Vertrauen auf das uns unwürdigem von Gott gegebene Amt, uns diesen Überlegungen und dieser Sache widmeten, wurde uns von unserem geschätzten Sohn Antonius Lilius, Doktor der Wissenschaften und der Medizin, eine Schrift vorgelegt, die einst sein leiblicher Bruder Aloysius Lilius verfasst hatte, und in der dieser aufzeigt, wie durch einen neuen Zyklus der Epakten, der von ihm ausgearbeitet wurde, und der sowohl nach der gesicherten Regel der Goldenen Zahl gelenkt wird wie auch jeder Länge des Sonnenjahres angepasst ist, all das, was im Kalender hinfällig geworden war, durch eine beständige und alle Jahrhunderte überdauernde Regelung so korrigiert werden könne, dass der Kalender niemals mehr einer Änderung ausgesetzt sein dürfte. Dieses neue Verfahren zur Korrektur des Kalenders haben wir, zusammengefasst in einer kleiner Schrift, vor einigen Jahren an die Führer der Christenheit und an die grossen Universitäten geschickt, damit diese Angelegenheit, die eine gemeinsame Sache aller ist, auch durch gemeinsamen Beschluss aller verwirklicht werde. Da nun jene, was wir sehr gewünscht haben, zustimmend geantwortet haben, haben wir, veranlasst durch die Übereinstimmung aller, in der heiligen Stadt einige Männer zur Korrektur des Kalenders zusammengezogen, die in diesen Dingen äusserst erfahren sind, und die wir lange vorher aus den führenden Nationen der Christenheit ausgewählt hatten. Nachdem diese nun viel Zeit und grosse Sorgfalt auf die Ausarbeitung verwandt hatten und sowohl althergebrachte Zyklen wie auch welche aus jüngster Zeit, die sie von allen Seiten zusammengesucht und aufs sorgfältigste untersucht hatten, unter sich diskutiert hatten, haben sie nach dem eigenen Urteil und dem von Gelehrten, die über diese Frage geschrieben haben, vor allen anderen diesen Zyklus der Epakten erwählt, dem sie auch noch einiges hinzufügten, was nach genauester Erwägung der grössten Vollkommenheit des Kalenders als dienlich betrachtet wurde.

Wir bedachten nun, dass für die korrekte Feier des Osterfestes nach den Vorschriften der heiligen Väter und der früheren römischen Päpste, im besondern von Pius I. und Victor I. und gewiss auch des grossen Konzils von Nikäa und weiterer Bestimmungen drei Punkte unumgänglich miteinander zu verbinden und festzulegen sind: Erstens, der genaue Sitz des Frühlingsäquinoktiums, zweitens, die richtige Lage von Luna XIV des ersten Monats, die entweder auf den Tag des Äquinoktiums selbst fällt oder ihm als nächste folgt, und schliesslich der jeweilige ersten Sonntag, der auf diese Luna XIV folgt. Demzufolge haben wir Sorge getragen, nicht nur das Frühlingsäquinoktium auf seinen ursprünglichen Platz, vom dem es seit dem Konzil von Nikäa um ungefähr zehn Tage zurückgeschritten war, zurückzuführen und Luna XIV paschalis wieder auf ihren Platz zu legen, von dem sie derzeit um vier und mehr Tage abweicht, sondern auch einen Weg und ein Verfahren aufzuzeigen, mit dem verhindert wird, dass jemals wieder Frühlingsäquinoktium oder Luna XIV von ihren angestammten Plätzen abweichen werden. Damit nun aber das Frühlingsäquinoktium, das von den Vätern des Konzils von Nikäa auf den 21. März (XII. Kal. Aprilis) festgelegt worden war, auf eben diesen Platz zurückgeführt werde, ordnen wir an und befehlen wir, dass von dem Monat Oktober des Jahres 1582 zehn Tage vom 5. Oktober einschliesslich (III. Nona) bis zum 14. Oktober (pridie Idus) herausgenommen werden, und der Tag, der folgt dem Fest des St. Franciscus, das man am 4. Oktober (IV. Nona) zu begehen pflegt, solle der 15. Oktober (Idus Octobris) genannt werde. An diesem Tag solle gefeiert werden das Fest der Märtyrer St. Dionysius, St. Rusticus und St. Eleutherius sowie das Gedenken an Papst und Confessor Markus und die Märtyrer St. Sergius, St. Bacchus, St. Marcellus und St. Apuleius. Am 16. Oktober (XVII. Kal. Novembris), dem folgenden Tag, solle das Fest des Papstes und Märtyrers St. Callistus gefeiert werden, darauf am 17.  Oktober (XVI a. Kal. Novembris) solle das Hochamt und die Messe gelesen werden des 18. Sonntags nach Pfingsten und es wechsele der Sonntagsbuchstabe von G auf C. Am 18. Oktober (XV Kal. Novembris) schliesslich wird der Festtag des Evangelisten St. Lukas begangen, und von da ab werden alle weiteren Festtage so begangen, wie es im Kalendarium verzeichnet ist.

Damit nun aber niemandem durch diesen Abzug der zehn Tage in Bezug auf monatliche oder jährliche Zahlungen ein Nachteil entstünde, wird es Aufgabe der Richter sein, in Streitfragen, die hierüber entstehen, die besagte Subtraktion in Rechnung zu stellen, indem sie zehn Tage für die Frist einer Zahlung hinzufügen.

Damit aber in Zukunft das Frühlingsäquinoktium nicht wieder vom 21. März (XII Kal. Aprilis) zurückweiche, ordnen wir an, dass das Schaltjahr in jedem vierten Jahr (wie es Brauch ist) beibehalten werden soll, ausgenommen in den Säkularjahren. So wie diese früher immer Schaltjahre waren, so soll auch noch das Jahr 1600 ein Schaltjahr sein, danach jedoch sollen die folgenden Säkularjahre nicht alle Schaltjahre sein, sondern von je vier Säkularjahren sollen die ersten drei ohne Schalttag verstreichen, jedes vierte Säkularjahre soll jedoch ein Schaltjahr sein, so dass die Jahres 1700, 1800 und 1900 keine Schaltjahre sind, im Jahr 2000 jedoch nach gewohntem Brauch ein Schalttag eingefügt werden soll, wobei dann der Februar 29 Tage hat. Diese Reihenfolge, in je vierhundert Jahre einen Schalttag auszulassen oder einzufügen, soll immerfort beibehalten werden.

Damit nun aber auch Luna XIV paschalis richtig gefunden werden kann und ferner die Mondtage, die nach alter kirchlicher Regel aus dem Martyrologium für die jeweiligen Tage zu bestimmen sind, den Gläubigen richtig vorgetragen werden, ordnen wir an, dass die Goldene Zahl aus dem Kalender entfernt werden soll und an ihre Stelle ein Zyklus der Epakten treten soll, der – wie wir bereits gesagt haben – durch eine bestimmte Regel der Goldenen Zahl gelenkt, bewirkt, dass das Neulicht und die Luna XIV paschalis immer an ihrem wahrem Ort verbleiben. Dies wird klar hervorgehen aus unserer Erläuterung des Kalenders, in der auch Ostertafeln nach dem altehrwürdigem Brauch der Kirche abgebildet sind, mit denen sicherer und leichter das geheiligte Osterfest gefunden werden kann.

Schliesslich muss nun teils wegen der zehn Tage, die im Monat Oktober des Jahres 1582 (das nun zu recht als das Jahr der Korrektur bezeichnet werden soll) ausgelassen worden sind, teils auch wegen der je drei Tage, die in dem Zeitraum von vierhundert Jahren weniger geschaltet werden, der achtundzwanzigjährige Zyklus der Sonntagsbuchstaben, so wie er bis heute in der Römischen Kirche gebraucht wurde, durchbrochen werden. Wir wünschen daher, an seine Stelle jenen Zyklus von 28 Jahren zu setzen, der von dem erwähnten Lilius zum einen der besagten Regel der Schaltung in den Säkularjahren, zum anderen der Länge des Sonnenjahres angepasst wurde. Durch ihn kann der Sonntagsbuchstabe für alle Zeiten ebenso leicht wie früher gefunden werden, wie in einem eigenen Canon erläutert wird.

Wir vollziehen nun das, was dem Pontifex Maximus vorbehalten ist, und billigen durch diesen unseren Erlass den Kalender, der durch die unermessliche Gnade Gottes gegenüber seiner Kirche bereits verbessert und vollendet ist, und ordnen an, dass er zu Rom gemeinsam mit dem Martyrologium gedruckt und veröffentlicht werden soll. Damit aber jede dieser beiden Schriften überall auf Erden unverfälscht und von Versehen und Fehlern gereinigt erhalten werde, untersagen wir allen Druckern, die sich unter unserer oder der Heiligen Römischen Kirche Jurisdiktion mittelbar oder unmittelbar befinden, unter Verlust der Bücher und einer Strafe von hundert Golddukaten, die der Apostolischen Kämmerei ipso facto zu entrichten ist, und auch allen anderen, wo auch immer auf Erden sie sich befinden mögen, unter der Strafe der Exkommunikation latae sententiae (d.h. ohne weitere Verhandlung ipso facto eintretend) und anderer unserem Urteil unterstehenden Strafen, es zu wagen oder so vermessen zu sein, ohne unsere Lizens das Kalendarium oder das Martyrologium, gemeinsam oder getrennt, zu drucken oder zu verlegen.

Wir beseitigen den alten Kalender und schaffen ihn gänzlich ab, und wir wünschen, dass alle Patriarchen, Kirchenfürsten, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte und andere kirchlichen Führer das neue Kalendarium, (dem auch angepasst sind die Regeln des Martyrologiums) für die Lesung der Heiligen Messe und der Feiertage, in ihrer jeweiligen Kirche, ihrem Kloster, Konvent, Orden, ihren Milizen oder Diözesen einführen und allein ihn nutzen sollen, so wie auch alle Presbyter und Kleriker, Weltgeistliche wie Ordensgeistliche, gleich welchen Geschlechts, sowie auch die Milizionäre und alle Gläubigen in Christo, diesen neuen Kalender, dessen Gebrauch beginnen soll nach jenen zehn Tagen, die im Monat Oktober des Jahres 1582 auszulassen sind. Denen aber, die in so entfernten Regionen wohnen, dass sie nicht vor dem von uns vorgeschriebenen Termin von diesem Schreiben Kenntnis haben können, sei es erlaubt, im gleichen Monat Oktober des folgenden Jahres 1583 oder zu einem späteren Zeitpunkt, wann eben zu ihnen dieses unseres Schreiben gelangt, in der Art, wie soeben von uns vorgetragen wurde, diese Veränderung durchzuführen, wie noch ausführlicher in unserem Kalender des Jahres der Korrektur erläutert werden wird.

Aufgrund der uns von dem Herrn gegebenen Machtvollkommenheit ermahnen wir und bitten wir unseren geliebten Sohn in Christo Rudolf, den erlauchten zum Kaiser gewählten römischen König, wie auch die übrigen Könige, Fürsten, und die Republiken, und weisen sie an dass sie mit dem gleichen Eifer, mit sie von uns verlangten, dass wir dieses so herrliche Werk zum Abschluss bringen, ja sogar noch mit mehr Eifer, um die Eintracht unter den christlichen Nationen bei der Begehung der Feiertage zu bewahren, diesen unseren Kalender selbst zu übernehmen und auch dafür sorgen, das alle ihre Untertanen ihn gewissenhaft übernehmen und ihn unversehrt bewahren.

Da es nun schwierig wäre, dieses vorliegende Schreiben an allen Orten des christlichen Erdkreises zu verbreiten, ordnen wir an, dass es an die Türen der Basilika des Apostelfürsten und der apostolischen Kanzlei sowie am Eingang des Campo de’ Fiori anzuheften und zu veröffentlichen sei, ferner dass den Abschriften dieses Schreibens, auch den gedruckten, und denen, die eingefügt oder vorangestellt sind den Ausgaben des Kalenders oder des Martyrologiums, sofern sie mit der eigenhändigen Unterschrift eines öffentlichen Notars oder auch dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, der gleiche unbezweifelte Glaube bei allen Völkern an allen Orten entgegenzubringen sei wie den ausgehängten Originalschreiben. Keinem Menschen ohne jegliche Ausnahme sei es gestattet, diese Seite unserer Vorschriften, Weisungen, Statuten, unseres Willens, unserer Zustimmung, Versagung, Billigung, Verbotes, Ermahnung und Aufforderung zunichte zu machen. Wenn aber jemand dies zu versuchen sich vornimmt, wird er die Missbilligung des Allmächtigen und der gepriesenen Apostel Petrus und Paulus auf sich hereinstürzen lassen.

Gegeben zu Tusculum am 24. Februar des Jahres 1581 der Incarnation des Herren, im zehnten Jahr unseres Pontificats.

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